Mittwoch, 13. September 2006

#04 -- lucky jim

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Zwischen dem Highway 61 und Brighton mögen geografische Welten liegen. Aber Musik eint. Nicht erst seit gewissen Charity Songs, die zu Weihnachten wieder etwas Airplay im Radio bekommen. Nein. Lucky Jim sind ein Beispiel der weltumspannenden tonalen Verständigung. Mit ihrer Musik nehmen die Schaufel wieder in die Hand, die Bob Dylan einst zur Seite stellte und nun nur noch zaghaft berührt. Das neue Werk der zwei Brightoner ist viel mehr Blood on the Tracks als Modern Times. Den jugendlichen Charme haben Lucky Jim konserviert in ihrer Musik und in ihrem Wesen. Frühere Misserfolge und ungebändigte Zeiten auf den Straßen Europas konnten ihnen diesen nicht stehlen.
Geschichten erzählen, das konnte schon Dylan. Das können auch Gordon Graham und Ben Townsend. Aber lest selbst.

Lange Zeit bevor ihr Lucky Jim gegründet habt, hat, jeder für sich, in anderen Bands gespielt. Wie ist euch diese Zeit in Erinnerung geblieben?
G: Wir nannten uns damals The Lost Souls. Schon zuvor hatte ich meine eigenen Stücke geschrieben und bin mit meiner Gitarre in den Pubs von Edinburgh aufgetreten. Irgendwann als sich die Songideen häuften, kam mir der Gedanke eine Band zu gründen. Auf diese Weise entstand die Lost Soul Band. Bald wurden wir in Großbritannien von Silvertone Records unter Vertrag genommen. Wo wir aber kaum spielten. Vielmehr fanden unsere Konzerte meistens entweder in London oder Schottland statt. Nach drei Alben war es dann aus. Vom Stil her variierten die Alben. Ein Country-Rock Album, ein Album das mehr an die keltische Musik anlehnt und das letzte war eine Mischung aus den Pixies und Jimi Hendrix. Davon verkauften wir höchstens hundert Kopien.
Von Zeit zu Zeit treffe ich Bekanntschaften, die aus dieser Band resultierten. Sie können sich immer an die verschiedensten Dinge, die damals geschahen, erinnern. Seltsam, denn sie scheinen seitdem nichts mehr erlebt zu haben. Nostalgie. Für mich war es eher eine Zeit des Pot-rauchens. Vielleicht einer der Gründe, warum ich damals nicht der professionellste war.
B: Ich habe in einer Band namens Don gespielt. Musikalisch war das Indie-Rock. Bereits sechs Wochen nachdem wir die Band gegründet hatten, wurde uns ein Plattenvertrag von London Records angeboten. Das gab uns einen enormen Schub, denn niemand rechnete mit so etwas. Es war wahrscheinlich ein guter Crash-Kurs für mich. Der mich auf die Probleme und Schwierigkeit vorbereitete. Eine gute Erfahrung, bei der dir aber gleichzeitig der Boden unter den Füßen entzogen wird. Man begann sich zurückzulehnen, nicht mehr so viel für die Sache zu tun.

Die Szene: Eure Bands haben sich aufgelöst. Gedanklich seit ihr fern davon, eine weitere Kariere als Musiker anzustreben. Schnitt. Euer Debüt „Our Troubles Will End Tonight“ ist das schnellst-verkaufteste Album im londoner Rough Trade Shop. Als ihr davon erfahren habt. Was ging euch durch den Kopf?
G: Es war großartig. Wir hatten das Gefühl etwas richtig getan zu haben. Dieses Mal war es kein Fehltritt. Wirklich alles schien damals in die richtige Richtung zu laufen. Viele Leute äußerten ihre Meinung unsgegenüber und es schien tatsächlich ein gutes Album geworden zu sein. Allerdings war das wirklich nicht womit wir gerechnet hatten. Nachdem diese Sache mit dem Rough Trade Shop auch zu unserem kleinen bisschen Berühmtheit beigetragen hatte, bot sich kaum noch Gelegenheit wirklich enthusiastisch zu werden.

Während ihr euer Debüt im Jahre 2003 aufnahmt, ward ihr fern jeglichen Druckes. Nun hattet ihr einen Plattenvertrag, der eine gewisse Erwartungshaltung seitens des Labels und der Fans birgt. Wie seid ihr damit umgegangen?
B: Die Spielregeln änderten sich komplett. Während wir unser Debütalbum aufnahmen, wart dort ein nichts. Es gab weder einen Plan, einen Plattenvertrag zu bekommen, noch den Plan, die Songs auf eine andere Weise zu veröffentlichen. Wir waren einfach zwei Burschen, zwei Musiker, die sich sagten: „Wir müssen weiter machen, denn das sind wir.“ Als wir schließlich beschlossen hatten, dass wir es veröffentlichen werden, geschah dies erst in Eigenregie. Später dann ein zweites Mal via Skint Records.
Wir rechneten damit wieder in das Studio zu gehen und weitere Alben aufzunehmen, stattdessen mussten wir durch die ganze Promomaschinerie. Zweifelsohne waren wir aus dem Takt gekommen. Deshalb nahmen wir uns vor eine EP aufzunehmen. Allein aus dem Grund um wieder in diesen Kreislauf hineinzufinden. Nach einer Woche im Studio waren wir fertig und schickten es an unser Plattenlabel. Mit der Notiz es einfach an den Mann zu bringen, während wir am nächsten Album arbeiten würden. Doch daraus wurde nichts, denn sie verliebten sich in die Songs so sehr, dass sie uns sagten, dass das, was wir abgeliefert hätten das neue Lucky Jim Album sei. In diesem Moment waren wir sehr froh, denn ohne großen Druck schien uns ein zweites Album gelungen zu sein.

Handelte es sich um die Rohfassung eurer neuen Veröffentlichung „All The King’s Horses“?
B: Nein. Bei diesen Aufnahmen handelt es sich um komplett andere Stücke. Die im übrigen alle fertig abgemischt und gemastert sind. Unser geheimes Album. Veröffentlichen wir vielleicht irgendwann einmal. (Ein spontanes Lachen durchzieht den Raum) Anonym.
Als wir schließlich versuchten dieser EP mehr Stücke hinzuzufügen, begann die Qualität des Gesamtwerkes darunter zu leiden. Denn diese paar Songs, die wir bereits hatten, waren eine gesamte Einheit. Das führte uns nur dazu mehr Stück zu schreiben. Schließlich befanden wir uns in der Situation ungefähr dreißig Songs für eine zweite Veröffentlichung aufgenommen zu haben. Wir begannen den Faden zu verlieren. Einigten uns schließlich darauf den Stücken ihr Gewand zu entziehen. Beinahe nackt lagen sie dort. Lediglich die Gesangsmelodie blieb übrig. Um diese errichteten wir wieder Songkonstrukte. Innerhalb sehr kurzer Zeit. Satte und wunderschöne Stücke entstanden dabei.
G: Wir hatten es geschafft aufzuhören.
B: In letzter Minute kam Gordon dann mit einem neuen Stück. „Sophia“. Es ist nun der erste Song auf unserem neuen Album. Zu diesem Zeitpunkt half uns das sehr, ein neues Stück zu haben, denn wir setzten es an Stelle eins. Hatten somit einen fixen Grundton für das Album. Je weiter wir vorankamen, desto mehr bemerkten wir, dass die Musik, die wir nun aufnahmen, dem nahekam, was wir uns vorgestellt hatten. Alle empfahlen uns damals endlich mit dem Arbeiten aufzuhören. „Es ist gut jetzt“. Damit hörte es im Prinzip auf.

Gibt es bei der Arbeit im Studio eine klare Rollenverteilung?
G: Definitiv. Ich bin verantwortlich für die Songtexte und den Großteil der Intrumente, während Ben die Stücke produziert und Schlagzeug spielt. Aber auch wenn es um Konflikte geht, haben wir unsere eigenen Wege diese zu lösen, ohne uns dabei in die Quere zu kommen.

Für eure Live Shows habt ihr in der Vergangenheit bereits eine Band rekrutiert. Könntet ihr euch vorstellen, diese auch in den Songwriting-Prozess einzubinden?
G: Ich denke nicht, dass so etwas funktionieren würde. Mir persönlich scheint es nicht notwendig, denn das Songschreiben an sich ist eine sehr leidenschaftliche Sache. Vielleicht einmal ein Stück mit jemand anderem co-schreiben, aber das ist etwas anderes und bereichert das Bild um mehr Farbe.
Aber, wenn es darum andere Musiker ins Studio zu holen. Das habe ich bereits einigemale in Erwägung gezogen. Denn meine Arrangements sind sehr bestimmt. Aus diesem Grund wäre es von Vorteil die Stücke einmal von mehreren Musiker spielen zu lassen. Aber das müsste live im Studio geschehen. Allerdings können wir uns das finanziell nicht leisten. Die meisten der Limitierungen, die uns einschränken, sind ökonomischer Art. Wir sind ständig gezwungen Dinge in möglichst kurzer Zeit zu tun. Denn das Geld ist knapp. Wir hab einfach nicht den Luxus experimentieren zu können.

Ein Stück eures neuen Albums trägt den Titel „Don Quixote“. Was fühlt „Don Quixote“?
G: In dem Stück geht es darum, wie man versucht etwas unerreichbares zu erreichen. Der Protagonist verliert jemanden Geliebtes, weiß, dass die Beziehung zu Ende ist, und hält trotzdem an ihr fest. Man kann ihn beinahe schwören hören: „Ich werde dich für immer lieben“. Denn die Liebe, die er in sich trägst ist nicht falsch. Es ist die wahre. „Ich bin gewillt bei dir stehen zu bleiben.“ Irgendwann sieht er einen Ort in der Zukunft, der eben dies beweisen wird: das diese Liebe wahr ist. Egal, was die andere Person denkt oder fühlt.

Wir sprachen gerade von Rollen, nun von Don Quixote. Wer von euch beiden wäre Don Quixote, wer Sancho Panza?
(Gemeinsam lachen beide laut auf)
G: Das ist eine gute Frage.
B: Sancho Panza ist eher der Rationalist oder? Er ist der logischere, der zynischere. Das bin ich.
G: Dann bin ich Don Quixote. (Immer noch lachend:) ich stelle mir vor, wie wir beide nebeneinanderhergehen.
B: Ich bin wirklich der zynischere von uns.
G: Wenn wir durch die Gegend streifen und etwas aufregendes passiert, bin ich stets der euphorische, während du sagst „Das wird wieder nichts“.

„All The King’s Horses“ vereinigt viele Gefühlslagen auf sich. In welcher Jahreszeit lebt es?
G: Das muss auf jeden Fall der Herbst sein.
B: Unsere liebste Jahreszeit.

Eure Musik lässt Erinnerungen an alte Folk Musik wie Bob Dylan gegenwärtig werden. Habt ihr jemals das Leben eines Troubadour in Erwägung gezogen?
G: Nachdem ich mit meiner Band am Ende war, lebte ich tatsächlich ein solches Leben. Zwei Jahre verbrachte ich in Europa mit einem Caravan. Während dieser Zeit schlug ich mich als Straßen- und Kneipenmusiker. Manchmal bewohnten wir ein kleines Appartement. Als wir die Miete nicht mehr zahlen konnten, sind wir einfach verschwunden. Ich schrieb damals viele Songs, nahm Drogen, nicht viel mehr. Mittlerweile bin ich über diese Erfahrung sehr glücklich oder vielmehr, dass ich sie überlebt habe.
B: Es ist nicht so, als ob ich so etwas nie gehabt hätte. Fünf Jahre lang bin ich, immer wieder, durch Europa gezogen. Für ein wenig Geld habe ich in Bars gearbeitet, Coverbands formiert und wenn mein eigenes Aufnahmestudio fern war, suchte ich mir ein anders.
G: Ich denke wir haben großes Glück. Denn wir können der Wege unserer Musik folgen. Das macht uns auf eine gewisse Art und Weise zu Troubadouren.

Wohin seht ihr Lucky Jim in der Zukunft wandern?
B: In der nahen Zukunft hoffentlich nach Deutschland. Dort erscheint unser Album zuerst. Wenn wir mit all der Promoarbeit fertig sind, wäre es daher toll zuerst hieher zurück zu kehren. Die ferne Zukunft, das große Bild. Ich habe keine Idee. Momentan hatte ich noch nicht einmal die Zeit Meinungen zu unserem neuen Album von Freunden zu hören. Mit der Zeit habe ich begonnen, keine großen Erwartungen an die Zukunft zu stellen. Auf jeden Fall denke ich, dass wir noch lange Musik machen werden. Aber wo uns all dies hinführen wird? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist das auch gut.

#03 -- In the Aeroplane Over the Sea

Tausende Arme reissen sich dem Himmel empor. Rechte Arme. Die dazugehörigen Gesichter, ausduckslos. Vor ihnen steht der Mann, der wenige Stunden zuvor die menschenverachtendsten Gesetze in der Geschichte Deutschlands verabschiedet hat. Adolf Hitler. Die Nürnberger Gesetze sollen zusätzliches Holz im antisemtischen Feuer sein. Ein Feuer, das von der Herdflamme allmählich zum Masenbrand wird.

Lachend blickt der kleine Junge empor. Mit festem Bemühen, versucht er die Pose der Mutter nachzuahmen. Das Gefallenwollen spricht Augen und Gestik. Die Mutter würdigt ihren Sprößling keines Blickes. Wie auch?

Kopflos ist sie lediglich in der Lage ihren rechten Arm empor zu strecken. Kopflos, dass bedeutet ohne Augen, ohne Sinn.

Die Auswüchse dieses Unsinns sind Inhalt von In the Aeroplane Over the Sea. Der finalen Neutral Milk Hotel Veröffentlichung. Chris Beilheimer malte das Cover. Jeff Magnum schrieb die Stücke. Basierend auf Träumen, die ihn nicht mehr losließen. Schließlich abstrahiert in neue Formen. In Geschichten, wie es sie tatsächlich gab. Anne Franks ist eine davon.

Dienstag, 12. September 2006

#02 -- klez.e

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Vorvorgesternabend saß ich in Magdeburg. Genauer in einer Einfahrt zu einem dieser alten, auseinanderbrechenden Gebäude. Hatte wohl auch einmal bessere Zeiten erlebt. Damals, als die Mauer dieses Land noch in Ost und West trennte war es ein Lichtspielhaus, wie man es sich wünschte. Menschen kamen zur Olvenstedter Nr. 25 um sich zu zerstreuen. Fern von Kolchose und betonierten Massensärgen. Nun bröckelt der Putz die Fassade hinab und landet vor meinen Füßen.
Tobias Siebert, Mischung aus nettem Schwiegersohn und elektronikverliebtem Perfektionisten, spricht in mein Mikrophon. Der respektvolle Abstand zwischen diesem und seinem Mund wird hin und wieder readjustiert. Nicht zu aufdringlich. Nicht zu leise. Einer dieser kleinen Konflikte, die wir täglich aussitzen. Wortreich erklärt Tobias Siebert das neue Album seines Berliner Musikquintetts. Hört auf den Namen Klez.E. Das Quintett. Hört auf den Namen Flimmern. Die Scheibe.

Was waren eure Vorstellung, als ihr mit dem Arbeit an „Flimmern“ begonnen habt?
Vorstellung hatten wir direkt gar keine. Wir wollten an die ersten Platte „Leben Daneben“ anknüpfen. Wir wollten uns vor allem kennenlernen in dieser Zeit zwischen den beiden Alben. Das haben wir auch getan. Wir sind auf Tour gegangen. Jeder hat seine Rolle in der Band verinnerlicht, verbessert und ausgebaut. Daraus ist „Flimmern“ entstanden, ohne darüber lange zu reden. Es gab keinen Weg, außer gemeinsam Musik zu machen.

Was denkst du nun über das Album, da ihr es in die Welt entlassen habt?
Ich finde es persönlich sehr gut. Alles hat sehr lange gedauert. Wir haben es letztes Jahr im August angefangen aufzunehmen. Dann mussten wir die Zelte in dem einen Studio abbrechen, haben das Studio umgebaut, sind einen anderen Stadtteil gezogen. Es ist sehr viel passiert. In dieser Phase haben wir das Album sehr oft gehört. Insgesamt haben wir in etwa sechs Monate gebraucht, wovon wir zwei gar nichts an dem Album gemacht haben. Wir kamen irgendwann an diesen Punkt, wo wir merkten, dass wir es nicht mehr hören konnten. Dass wir nicht mehr urteilen konnten, ob es gut oder schlecht war. Wir haben es dann eine Weile weggelegt.
In den letzten anderthalb Monaten, vor allem in der Zeit der Tourvorbereitung, haben wir es sehr lieben gelernt.

Verliebt in eure eigenen Stücke?
Ja. Wir hören uns die Platte auch selbst sehr gerne an.

Wie lautet die Quintessenz von „Flimmern“?
Für uns ist es der Schritt auf die nächste Stufe. Denn „Leben Daneben“ war eher überraschend und unklar. Wir kannten uns damals noch nicht sonderlich gut. Wir haben uns getroffen und die Platte gemacht. Einige Stücke waren damals auch noch ausschließlich von mir alleine. „Flimmern“ ist daher mehr ein Gesamtkunstwerk. Dem jeder gleichviel beigesteuert hat.
Die Essenz für uns von dem Album (überlegt) .. Wir sind sehr froh, dass es dieses Unterwassergefühl hat. Was wir auch auf dem Cover und mit dem Artwork so hinbekommen haben. Ohne das es geplant wurde. Man könnte beinahe sagen, ein Konzeptalbum.

„Flimmern“, ein Konzeptalbum ohne Konzept?
Genau. Das Ergebnis ist für uns eben sehr zufriedenstellend. Denn wir haben uns als Band nun gefunden und werden nun noch mehr zusammenwachsen.

Das Lied „Die Essenz“ beschäftigt sich teilweise mit dem Leben im Exess in einem „reichen Land“. Dieses wird erst im Booklet benannt. Amerika. Aus welchem Grund fällt der Name erst dort?
„Die Essenz“ ist nicht unbedingt nur auf Amerika bezogen. Ursprünglich war Amerika dort im Text angesetzt, wo nun „du reiches Land“ ist. Fand dann aber später, dass es zu klar, zu deutlich wäre, direkt Amerika zu singen. Denn es lässt sich auch auf andere Lände transportieren. Fand es dann aber auch gut im Booklet „Amerika“ als Beispiel zu schreiben.

Wie kritisch bist du der weltpolitischen Lage gegenüber?
Sehr. Daraus entstehen dann auch diese Texte. Es gibt diese „weltpolitischen“ Sachen, aber auch Sachen, die konkret in unserem Land geschehen. Es gibt in den Stücken aber auch Kritik an Musikjournalismus im Lied „Standard“. Das sind Dinge, die mich im Kopf beschäftigen und dann auch ausgesprochen werden wollen.

Wie kritisch bist du dir selbst gegenüber?
Ebenfalls sehr. Ich bin ein absoluter Perfektionist. Stelle daher viele Dinge, die ich selbst tue, in Frage.

In den Stücken „Werbefläche Mond“ und „Standard“, du hast es bereits angedeutet, wird die Konsumgesellschaft und ihre Auswüchse thematisiert. Fühlt ihr euch als ein Teil dieser?
Ja, man kann sich dem komplett ganz entziehen. Wir versuchen aber auch selbst Zeichen zu setzen. Denn ich denke auch kleine Dinge oder kleine Schritte, die man anders macht, sind sehr wichtig. Alles richtig zu machen geht natürlich nicht, aber wir versuchen im kleinen Dinge möglich zu machen und gleichzeitig das Ganze zu umgehen. Das fängt damit an, dass wir ein sehr kleines Label in Berlin haben. Wir wollen eben mit keinem großen Major Label zusammenarbeiten.

„Flimmern“ erscheint jedoch im Vertrieb von Universal.
Vertrieben. Aber das Label sagt an, worum es geht. Universal ist lediglich die Einheit, die die Platten in die Läden stellt. Sie reden uns dabei aber in keine Entscheidungen rein. Dort gibt es niemandem am Ende der Kette, der zu uns sagt „So, wir brauchen jetzt eine Single, sonst können wir das nicht machen.“
„Strandlied“ haben wir Universal als Gratis Download für den Online Vertrieb gegeben. So etwas kennt man dort gar nicht. Von den Künstlern, die sonst über den Universal Vertrieb laufen, gibt es so etwas für gewöhnlich gar nicht. Die Leute in diese Abteilungen finden es daher auch sehr spannend, nun einmal mit kleineren Labels zusammenzuarbeiten. Zum Beispiel dieses Verschenken, sie müssen aber auch mit kleineren Plattenläden zusammenarbeiten. Denn wir haben eine Liste zusammengetragen, auf der kleine Plattenläden stehen, die uns sehr wichtig sind. Keine großen Märkte, die sonst eher Gebiet von Universal sind. Bei alle dem sind wir nur auf positiven Gegenstrom gestoßen.

Die taz beschreibt eure Musik als „Festivalmusik, die optimal zum Biertrinken ist“. Was denkst du darüber?
Festivalmusik finde ich relativ gut. Denn ich mag es persönlich sehr, wenn es dunkel ist auf großen Bühnen zu spielen. Aber auch selbst Konzerte bei solch einer Atmosphäre zu sehen. Das mit dem Bier habe ich allerdings nicht ganz verstanden.

Wie würdest du eure Musik selbst beschreiben?
Diese Frage ist immer eine schwere Frage. Es ist Gitarrenmusik mit Elektronikeinflüssen. (überlegt) Ja, jemand meinte einmal Gitarrenmusik mit Elektrostreusseln, das fanden wir ganz gut getroffen.

Derzeit liest man viel positives über eure Band. Wohin wird euch dieser Aufwind in Zukunft treiben?
Es gibt uns auf viel Kraft, denn es zeigt uns, dass es auch Medien gibt, die sich für unsere Musik interessieren. Vor allem weil diese nicht gerade Musik der leichten Sorte ist: die Lieder sind teilweise sehr lang, es gibt laut und leise. Musik, die sicherlich nicht in den Charts vorkommen wird. Von daher ist es sehr gut, dass auch größere Medien zu Wort melden. Das alles gibt uns definitiv einen Aufwind. Die Tour läuft derzeit sehr gut. Wir wollen so schnell wie möglich wieder in den Proberaum. Neue Stücke schreiben. Die neue Platte vorbereiten.

Habt ihr für diese Bevorstehenden Arbeiten bereits klare Ideen?
Ja. Wir wollen vor allem mehr live aufnehmen. Das heisst, dass alles Musiker gleichzeitig ihre Instrumente einspielen. Auf „Flimmern“ war das nur bei einem Stück der Fall, „Standard“. Somit wollen wir zumindest das Gerüst errichten: Bass, Schlagzeug und Gitarren.
Im Vorfeld wollen wir noch mehr Geräusche samplen. Was auf „Flimmern“ auch bereits im Ansatz geschehen ist. So ist beim „Strandlied“ die Bassdrum ein Sofa, auf das wir mit einem Drumstick geschlagen haben. Noch größere Samplebänke sollen entstehen, auf die wir dann im Studio einfach via Keyboardtasten zugreifen können. Dieses mal wollen wir auch Stimmensamples verwenden. Die Experimente geschehen schon vor dem Schreiben der Stücke und sind dann im Songentstehungsprozess einfach verfügbar für uns.

#01 -- der hochmut und der fall

Der Schmerz, in dem Moment, in dem er den Boden berührt, steht ihm ins Gesicht geschrieben. Ein hoher Sprung hat unseren jungen Protagonisten erst in die sphärischen Höhen befördert und dann fallen lassen. Schuld am Fallen ist jedoch nicht der Sprung an sich. Dieser steht nicht im Bezug zur Folge. Er sprang in der Hoffnung das Unvorhergesehene zu erleben. Den Flug. Der Hochmut kommt vor dem Fall.
Im Hintergrund läuft betörend schöne Musik. Geschrieben und gesungen von dem Protagonisten selbst. Das erfährt man nicht aus den Bildern. Viel mehr stellen sie eine Ergänzung des Inhalts dar. Abstrahiert und auf Celluloid gebannt von Vincent Gallo. Der Mann, der sein Sperma für eine Million US-Dollar zum Kauf anbietet. Genie und Wahnsinn liegen oft näher beieinander, als man denkt. Der Protagonist. Das ist im übrigen John Frusciante. Der Song. Das ist im übrigen Wind Up Space. Gemeinsam mit vierzehn anderen Stücken veröffentlich im Jahr 2001. Auf dem Album To Record Only Water For Ten Days.
Jeder einzelne wurde mit einem Video versehen. Fünfzehn. Zum Beispiel Moments Have You. Das Gefägnis in das sich Frusciante begibt besteht nicht real. Es gibt keine Gitter in diesem Film, keine Wärter, lediglich die Kamera und ihn. Dabei das Gefühl, dass Freiheit anders ist. Dennoch euphorisch ohne unterlaß. Bilden sie sich ihre Meinung selbst:

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