Dienstag, 12. September 2006

#02 -- klez.e

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Vorvorgesternabend saß ich in Magdeburg. Genauer in einer Einfahrt zu einem dieser alten, auseinanderbrechenden Gebäude. Hatte wohl auch einmal bessere Zeiten erlebt. Damals, als die Mauer dieses Land noch in Ost und West trennte war es ein Lichtspielhaus, wie man es sich wünschte. Menschen kamen zur Olvenstedter Nr. 25 um sich zu zerstreuen. Fern von Kolchose und betonierten Massensärgen. Nun bröckelt der Putz die Fassade hinab und landet vor meinen Füßen.
Tobias Siebert, Mischung aus nettem Schwiegersohn und elektronikverliebtem Perfektionisten, spricht in mein Mikrophon. Der respektvolle Abstand zwischen diesem und seinem Mund wird hin und wieder readjustiert. Nicht zu aufdringlich. Nicht zu leise. Einer dieser kleinen Konflikte, die wir täglich aussitzen. Wortreich erklärt Tobias Siebert das neue Album seines Berliner Musikquintetts. Hört auf den Namen Klez.E. Das Quintett. Hört auf den Namen Flimmern. Die Scheibe.

Was waren eure Vorstellung, als ihr mit dem Arbeit an „Flimmern“ begonnen habt?
Vorstellung hatten wir direkt gar keine. Wir wollten an die ersten Platte „Leben Daneben“ anknüpfen. Wir wollten uns vor allem kennenlernen in dieser Zeit zwischen den beiden Alben. Das haben wir auch getan. Wir sind auf Tour gegangen. Jeder hat seine Rolle in der Band verinnerlicht, verbessert und ausgebaut. Daraus ist „Flimmern“ entstanden, ohne darüber lange zu reden. Es gab keinen Weg, außer gemeinsam Musik zu machen.

Was denkst du nun über das Album, da ihr es in die Welt entlassen habt?
Ich finde es persönlich sehr gut. Alles hat sehr lange gedauert. Wir haben es letztes Jahr im August angefangen aufzunehmen. Dann mussten wir die Zelte in dem einen Studio abbrechen, haben das Studio umgebaut, sind einen anderen Stadtteil gezogen. Es ist sehr viel passiert. In dieser Phase haben wir das Album sehr oft gehört. Insgesamt haben wir in etwa sechs Monate gebraucht, wovon wir zwei gar nichts an dem Album gemacht haben. Wir kamen irgendwann an diesen Punkt, wo wir merkten, dass wir es nicht mehr hören konnten. Dass wir nicht mehr urteilen konnten, ob es gut oder schlecht war. Wir haben es dann eine Weile weggelegt.
In den letzten anderthalb Monaten, vor allem in der Zeit der Tourvorbereitung, haben wir es sehr lieben gelernt.

Verliebt in eure eigenen Stücke?
Ja. Wir hören uns die Platte auch selbst sehr gerne an.

Wie lautet die Quintessenz von „Flimmern“?
Für uns ist es der Schritt auf die nächste Stufe. Denn „Leben Daneben“ war eher überraschend und unklar. Wir kannten uns damals noch nicht sonderlich gut. Wir haben uns getroffen und die Platte gemacht. Einige Stücke waren damals auch noch ausschließlich von mir alleine. „Flimmern“ ist daher mehr ein Gesamtkunstwerk. Dem jeder gleichviel beigesteuert hat.
Die Essenz für uns von dem Album (überlegt) .. Wir sind sehr froh, dass es dieses Unterwassergefühl hat. Was wir auch auf dem Cover und mit dem Artwork so hinbekommen haben. Ohne das es geplant wurde. Man könnte beinahe sagen, ein Konzeptalbum.

„Flimmern“, ein Konzeptalbum ohne Konzept?
Genau. Das Ergebnis ist für uns eben sehr zufriedenstellend. Denn wir haben uns als Band nun gefunden und werden nun noch mehr zusammenwachsen.

Das Lied „Die Essenz“ beschäftigt sich teilweise mit dem Leben im Exess in einem „reichen Land“. Dieses wird erst im Booklet benannt. Amerika. Aus welchem Grund fällt der Name erst dort?
„Die Essenz“ ist nicht unbedingt nur auf Amerika bezogen. Ursprünglich war Amerika dort im Text angesetzt, wo nun „du reiches Land“ ist. Fand dann aber später, dass es zu klar, zu deutlich wäre, direkt Amerika zu singen. Denn es lässt sich auch auf andere Lände transportieren. Fand es dann aber auch gut im Booklet „Amerika“ als Beispiel zu schreiben.

Wie kritisch bist du der weltpolitischen Lage gegenüber?
Sehr. Daraus entstehen dann auch diese Texte. Es gibt diese „weltpolitischen“ Sachen, aber auch Sachen, die konkret in unserem Land geschehen. Es gibt in den Stücken aber auch Kritik an Musikjournalismus im Lied „Standard“. Das sind Dinge, die mich im Kopf beschäftigen und dann auch ausgesprochen werden wollen.

Wie kritisch bist du dir selbst gegenüber?
Ebenfalls sehr. Ich bin ein absoluter Perfektionist. Stelle daher viele Dinge, die ich selbst tue, in Frage.

In den Stücken „Werbefläche Mond“ und „Standard“, du hast es bereits angedeutet, wird die Konsumgesellschaft und ihre Auswüchse thematisiert. Fühlt ihr euch als ein Teil dieser?
Ja, man kann sich dem komplett ganz entziehen. Wir versuchen aber auch selbst Zeichen zu setzen. Denn ich denke auch kleine Dinge oder kleine Schritte, die man anders macht, sind sehr wichtig. Alles richtig zu machen geht natürlich nicht, aber wir versuchen im kleinen Dinge möglich zu machen und gleichzeitig das Ganze zu umgehen. Das fängt damit an, dass wir ein sehr kleines Label in Berlin haben. Wir wollen eben mit keinem großen Major Label zusammenarbeiten.

„Flimmern“ erscheint jedoch im Vertrieb von Universal.
Vertrieben. Aber das Label sagt an, worum es geht. Universal ist lediglich die Einheit, die die Platten in die Läden stellt. Sie reden uns dabei aber in keine Entscheidungen rein. Dort gibt es niemandem am Ende der Kette, der zu uns sagt „So, wir brauchen jetzt eine Single, sonst können wir das nicht machen.“
„Strandlied“ haben wir Universal als Gratis Download für den Online Vertrieb gegeben. So etwas kennt man dort gar nicht. Von den Künstlern, die sonst über den Universal Vertrieb laufen, gibt es so etwas für gewöhnlich gar nicht. Die Leute in diese Abteilungen finden es daher auch sehr spannend, nun einmal mit kleineren Labels zusammenzuarbeiten. Zum Beispiel dieses Verschenken, sie müssen aber auch mit kleineren Plattenläden zusammenarbeiten. Denn wir haben eine Liste zusammengetragen, auf der kleine Plattenläden stehen, die uns sehr wichtig sind. Keine großen Märkte, die sonst eher Gebiet von Universal sind. Bei alle dem sind wir nur auf positiven Gegenstrom gestoßen.

Die taz beschreibt eure Musik als „Festivalmusik, die optimal zum Biertrinken ist“. Was denkst du darüber?
Festivalmusik finde ich relativ gut. Denn ich mag es persönlich sehr, wenn es dunkel ist auf großen Bühnen zu spielen. Aber auch selbst Konzerte bei solch einer Atmosphäre zu sehen. Das mit dem Bier habe ich allerdings nicht ganz verstanden.

Wie würdest du eure Musik selbst beschreiben?
Diese Frage ist immer eine schwere Frage. Es ist Gitarrenmusik mit Elektronikeinflüssen. (überlegt) Ja, jemand meinte einmal Gitarrenmusik mit Elektrostreusseln, das fanden wir ganz gut getroffen.

Derzeit liest man viel positives über eure Band. Wohin wird euch dieser Aufwind in Zukunft treiben?
Es gibt uns auf viel Kraft, denn es zeigt uns, dass es auch Medien gibt, die sich für unsere Musik interessieren. Vor allem weil diese nicht gerade Musik der leichten Sorte ist: die Lieder sind teilweise sehr lang, es gibt laut und leise. Musik, die sicherlich nicht in den Charts vorkommen wird. Von daher ist es sehr gut, dass auch größere Medien zu Wort melden. Das alles gibt uns definitiv einen Aufwind. Die Tour läuft derzeit sehr gut. Wir wollen so schnell wie möglich wieder in den Proberaum. Neue Stücke schreiben. Die neue Platte vorbereiten.

Habt ihr für diese Bevorstehenden Arbeiten bereits klare Ideen?
Ja. Wir wollen vor allem mehr live aufnehmen. Das heisst, dass alles Musiker gleichzeitig ihre Instrumente einspielen. Auf „Flimmern“ war das nur bei einem Stück der Fall, „Standard“. Somit wollen wir zumindest das Gerüst errichten: Bass, Schlagzeug und Gitarren.
Im Vorfeld wollen wir noch mehr Geräusche samplen. Was auf „Flimmern“ auch bereits im Ansatz geschehen ist. So ist beim „Strandlied“ die Bassdrum ein Sofa, auf das wir mit einem Drumstick geschlagen haben. Noch größere Samplebänke sollen entstehen, auf die wir dann im Studio einfach via Keyboardtasten zugreifen können. Dieses mal wollen wir auch Stimmensamples verwenden. Die Experimente geschehen schon vor dem Schreiben der Stücke und sind dann im Songentstehungsprozess einfach verfügbar für uns.

#01 -- der hochmut und der fall

Der Schmerz, in dem Moment, in dem er den Boden berührt, steht ihm ins Gesicht geschrieben. Ein hoher Sprung hat unseren jungen Protagonisten erst in die sphärischen Höhen befördert und dann fallen lassen. Schuld am Fallen ist jedoch nicht der Sprung an sich. Dieser steht nicht im Bezug zur Folge. Er sprang in der Hoffnung das Unvorhergesehene zu erleben. Den Flug. Der Hochmut kommt vor dem Fall.
Im Hintergrund läuft betörend schöne Musik. Geschrieben und gesungen von dem Protagonisten selbst. Das erfährt man nicht aus den Bildern. Viel mehr stellen sie eine Ergänzung des Inhalts dar. Abstrahiert und auf Celluloid gebannt von Vincent Gallo. Der Mann, der sein Sperma für eine Million US-Dollar zum Kauf anbietet. Genie und Wahnsinn liegen oft näher beieinander, als man denkt. Der Protagonist. Das ist im übrigen John Frusciante. Der Song. Das ist im übrigen Wind Up Space. Gemeinsam mit vierzehn anderen Stücken veröffentlich im Jahr 2001. Auf dem Album To Record Only Water For Ten Days.
Jeder einzelne wurde mit einem Video versehen. Fünfzehn. Zum Beispiel Moments Have You. Das Gefägnis in das sich Frusciante begibt besteht nicht real. Es gibt keine Gitter in diesem Film, keine Wärter, lediglich die Kamera und ihn. Dabei das Gefühl, dass Freiheit anders ist. Dennoch euphorisch ohne unterlaß. Bilden sie sich ihre Meinung selbst:

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