#04 -- lucky jim

Zwischen dem Highway 61 und Brighton mögen geografische Welten liegen. Aber Musik eint. Nicht erst seit gewissen Charity Songs, die zu Weihnachten wieder etwas Airplay im Radio bekommen. Nein. Lucky Jim sind ein Beispiel der weltumspannenden tonalen Verständigung. Mit ihrer Musik nehmen die Schaufel wieder in die Hand, die Bob Dylan einst zur Seite stellte und nun nur noch zaghaft berührt. Das neue Werk der zwei Brightoner ist viel mehr Blood on the Tracks als Modern Times. Den jugendlichen Charme haben Lucky Jim konserviert in ihrer Musik und in ihrem Wesen. Frühere Misserfolge und ungebändigte Zeiten auf den Straßen Europas konnten ihnen diesen nicht stehlen.
Geschichten erzählen, das konnte schon Dylan. Das können auch Gordon Graham und Ben Townsend. Aber lest selbst.
Lange Zeit bevor ihr Lucky Jim gegründet habt, hat, jeder für sich, in anderen Bands gespielt. Wie ist euch diese Zeit in Erinnerung geblieben?
G: Wir nannten uns damals The Lost Souls. Schon zuvor hatte ich meine eigenen Stücke geschrieben und bin mit meiner Gitarre in den Pubs von Edinburgh aufgetreten. Irgendwann als sich die Songideen häuften, kam mir der Gedanke eine Band zu gründen. Auf diese Weise entstand die Lost Soul Band. Bald wurden wir in Großbritannien von Silvertone Records unter Vertrag genommen. Wo wir aber kaum spielten. Vielmehr fanden unsere Konzerte meistens entweder in London oder Schottland statt. Nach drei Alben war es dann aus. Vom Stil her variierten die Alben. Ein Country-Rock Album, ein Album das mehr an die keltische Musik anlehnt und das letzte war eine Mischung aus den Pixies und Jimi Hendrix. Davon verkauften wir höchstens hundert Kopien.
Von Zeit zu Zeit treffe ich Bekanntschaften, die aus dieser Band resultierten. Sie können sich immer an die verschiedensten Dinge, die damals geschahen, erinnern. Seltsam, denn sie scheinen seitdem nichts mehr erlebt zu haben. Nostalgie. Für mich war es eher eine Zeit des Pot-rauchens. Vielleicht einer der Gründe, warum ich damals nicht der professionellste war.
B: Ich habe in einer Band namens Don gespielt. Musikalisch war das Indie-Rock. Bereits sechs Wochen nachdem wir die Band gegründet hatten, wurde uns ein Plattenvertrag von London Records angeboten. Das gab uns einen enormen Schub, denn niemand rechnete mit so etwas. Es war wahrscheinlich ein guter Crash-Kurs für mich. Der mich auf die Probleme und Schwierigkeit vorbereitete. Eine gute Erfahrung, bei der dir aber gleichzeitig der Boden unter den Füßen entzogen wird. Man begann sich zurückzulehnen, nicht mehr so viel für die Sache zu tun.
Die Szene: Eure Bands haben sich aufgelöst. Gedanklich seit ihr fern davon, eine weitere Kariere als Musiker anzustreben. Schnitt. Euer Debüt „Our Troubles Will End Tonight“ ist das schnellst-verkaufteste Album im londoner Rough Trade Shop. Als ihr davon erfahren habt. Was ging euch durch den Kopf?
G: Es war großartig. Wir hatten das Gefühl etwas richtig getan zu haben. Dieses Mal war es kein Fehltritt. Wirklich alles schien damals in die richtige Richtung zu laufen. Viele Leute äußerten ihre Meinung unsgegenüber und es schien tatsächlich ein gutes Album geworden zu sein. Allerdings war das wirklich nicht womit wir gerechnet hatten. Nachdem diese Sache mit dem Rough Trade Shop auch zu unserem kleinen bisschen Berühmtheit beigetragen hatte, bot sich kaum noch Gelegenheit wirklich enthusiastisch zu werden.
Während ihr euer Debüt im Jahre 2003 aufnahmt, ward ihr fern jeglichen Druckes. Nun hattet ihr einen Plattenvertrag, der eine gewisse Erwartungshaltung seitens des Labels und der Fans birgt. Wie seid ihr damit umgegangen?
B: Die Spielregeln änderten sich komplett. Während wir unser Debütalbum aufnahmen, wart dort ein nichts. Es gab weder einen Plan, einen Plattenvertrag zu bekommen, noch den Plan, die Songs auf eine andere Weise zu veröffentlichen. Wir waren einfach zwei Burschen, zwei Musiker, die sich sagten: „Wir müssen weiter machen, denn das sind wir.“ Als wir schließlich beschlossen hatten, dass wir es veröffentlichen werden, geschah dies erst in Eigenregie. Später dann ein zweites Mal via Skint Records.
Wir rechneten damit wieder in das Studio zu gehen und weitere Alben aufzunehmen, stattdessen mussten wir durch die ganze Promomaschinerie. Zweifelsohne waren wir aus dem Takt gekommen. Deshalb nahmen wir uns vor eine EP aufzunehmen. Allein aus dem Grund um wieder in diesen Kreislauf hineinzufinden. Nach einer Woche im Studio waren wir fertig und schickten es an unser Plattenlabel. Mit der Notiz es einfach an den Mann zu bringen, während wir am nächsten Album arbeiten würden. Doch daraus wurde nichts, denn sie verliebten sich in die Songs so sehr, dass sie uns sagten, dass das, was wir abgeliefert hätten das neue Lucky Jim Album sei. In diesem Moment waren wir sehr froh, denn ohne großen Druck schien uns ein zweites Album gelungen zu sein.
Handelte es sich um die Rohfassung eurer neuen Veröffentlichung „All The King’s Horses“?
B: Nein. Bei diesen Aufnahmen handelt es sich um komplett andere Stücke. Die im übrigen alle fertig abgemischt und gemastert sind. Unser geheimes Album. Veröffentlichen wir vielleicht irgendwann einmal. (Ein spontanes Lachen durchzieht den Raum) Anonym.
Als wir schließlich versuchten dieser EP mehr Stücke hinzuzufügen, begann die Qualität des Gesamtwerkes darunter zu leiden. Denn diese paar Songs, die wir bereits hatten, waren eine gesamte Einheit. Das führte uns nur dazu mehr Stück zu schreiben. Schließlich befanden wir uns in der Situation ungefähr dreißig Songs für eine zweite Veröffentlichung aufgenommen zu haben. Wir begannen den Faden zu verlieren. Einigten uns schließlich darauf den Stücken ihr Gewand zu entziehen. Beinahe nackt lagen sie dort. Lediglich die Gesangsmelodie blieb übrig. Um diese errichteten wir wieder Songkonstrukte. Innerhalb sehr kurzer Zeit. Satte und wunderschöne Stücke entstanden dabei.
G: Wir hatten es geschafft aufzuhören.
B: In letzter Minute kam Gordon dann mit einem neuen Stück. „Sophia“. Es ist nun der erste Song auf unserem neuen Album. Zu diesem Zeitpunkt half uns das sehr, ein neues Stück zu haben, denn wir setzten es an Stelle eins. Hatten somit einen fixen Grundton für das Album. Je weiter wir vorankamen, desto mehr bemerkten wir, dass die Musik, die wir nun aufnahmen, dem nahekam, was wir uns vorgestellt hatten. Alle empfahlen uns damals endlich mit dem Arbeiten aufzuhören. „Es ist gut jetzt“. Damit hörte es im Prinzip auf.
Gibt es bei der Arbeit im Studio eine klare Rollenverteilung?
G: Definitiv. Ich bin verantwortlich für die Songtexte und den Großteil der Intrumente, während Ben die Stücke produziert und Schlagzeug spielt. Aber auch wenn es um Konflikte geht, haben wir unsere eigenen Wege diese zu lösen, ohne uns dabei in die Quere zu kommen.
Für eure Live Shows habt ihr in der Vergangenheit bereits eine Band rekrutiert. Könntet ihr euch vorstellen, diese auch in den Songwriting-Prozess einzubinden?
G: Ich denke nicht, dass so etwas funktionieren würde. Mir persönlich scheint es nicht notwendig, denn das Songschreiben an sich ist eine sehr leidenschaftliche Sache. Vielleicht einmal ein Stück mit jemand anderem co-schreiben, aber das ist etwas anderes und bereichert das Bild um mehr Farbe.
Aber, wenn es darum andere Musiker ins Studio zu holen. Das habe ich bereits einigemale in Erwägung gezogen. Denn meine Arrangements sind sehr bestimmt. Aus diesem Grund wäre es von Vorteil die Stücke einmal von mehreren Musiker spielen zu lassen. Aber das müsste live im Studio geschehen. Allerdings können wir uns das finanziell nicht leisten. Die meisten der Limitierungen, die uns einschränken, sind ökonomischer Art. Wir sind ständig gezwungen Dinge in möglichst kurzer Zeit zu tun. Denn das Geld ist knapp. Wir hab einfach nicht den Luxus experimentieren zu können.
Ein Stück eures neuen Albums trägt den Titel „Don Quixote“. Was fühlt „Don Quixote“?
G: In dem Stück geht es darum, wie man versucht etwas unerreichbares zu erreichen. Der Protagonist verliert jemanden Geliebtes, weiß, dass die Beziehung zu Ende ist, und hält trotzdem an ihr fest. Man kann ihn beinahe schwören hören: „Ich werde dich für immer lieben“. Denn die Liebe, die er in sich trägst ist nicht falsch. Es ist die wahre. „Ich bin gewillt bei dir stehen zu bleiben.“ Irgendwann sieht er einen Ort in der Zukunft, der eben dies beweisen wird: das diese Liebe wahr ist. Egal, was die andere Person denkt oder fühlt.
Wir sprachen gerade von Rollen, nun von Don Quixote. Wer von euch beiden wäre Don Quixote, wer Sancho Panza?
(Gemeinsam lachen beide laut auf)
G: Das ist eine gute Frage.
B: Sancho Panza ist eher der Rationalist oder? Er ist der logischere, der zynischere. Das bin ich.
G: Dann bin ich Don Quixote. (Immer noch lachend:) ich stelle mir vor, wie wir beide nebeneinanderhergehen.
B: Ich bin wirklich der zynischere von uns.
G: Wenn wir durch die Gegend streifen und etwas aufregendes passiert, bin ich stets der euphorische, während du sagst „Das wird wieder nichts“.
„All The King’s Horses“ vereinigt viele Gefühlslagen auf sich. In welcher Jahreszeit lebt es?
G: Das muss auf jeden Fall der Herbst sein.
B: Unsere liebste Jahreszeit.
Eure Musik lässt Erinnerungen an alte Folk Musik wie Bob Dylan gegenwärtig werden. Habt ihr jemals das Leben eines Troubadour in Erwägung gezogen?
G: Nachdem ich mit meiner Band am Ende war, lebte ich tatsächlich ein solches Leben. Zwei Jahre verbrachte ich in Europa mit einem Caravan. Während dieser Zeit schlug ich mich als Straßen- und Kneipenmusiker. Manchmal bewohnten wir ein kleines Appartement. Als wir die Miete nicht mehr zahlen konnten, sind wir einfach verschwunden. Ich schrieb damals viele Songs, nahm Drogen, nicht viel mehr. Mittlerweile bin ich über diese Erfahrung sehr glücklich oder vielmehr, dass ich sie überlebt habe.
B: Es ist nicht so, als ob ich so etwas nie gehabt hätte. Fünf Jahre lang bin ich, immer wieder, durch Europa gezogen. Für ein wenig Geld habe ich in Bars gearbeitet, Coverbands formiert und wenn mein eigenes Aufnahmestudio fern war, suchte ich mir ein anders.
G: Ich denke wir haben großes Glück. Denn wir können der Wege unserer Musik folgen. Das macht uns auf eine gewisse Art und Weise zu Troubadouren.
Wohin seht ihr Lucky Jim in der Zukunft wandern?
B: In der nahen Zukunft hoffentlich nach Deutschland. Dort erscheint unser Album zuerst. Wenn wir mit all der Promoarbeit fertig sind, wäre es daher toll zuerst hieher zurück zu kehren. Die ferne Zukunft, das große Bild. Ich habe keine Idee. Momentan hatte ich noch nicht einmal die Zeit Meinungen zu unserem neuen Album von Freunden zu hören. Mit der Zeit habe ich begonnen, keine großen Erwartungen an die Zukunft zu stellen. Auf jeden Fall denke ich, dass wir noch lange Musik machen werden. Aber wo uns all dies hinführen wird? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist das auch gut.
